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Gegen den geplanten Bau eines Atomkraftwerkes im finnischen Pyhäjoki machen jetzt Einwohner in Schweden mobil. Das Netzwerk „Für einen atomfreien Bottnischen Meerbusen“ will den Bau verhindern. Ein vom deutschen Stromkonzern E.ON geführtes Konsortium will für vier bis sechs Milliarden Euro Finnlands sechstes Atomkraftwerk bauen. Die kleine Ortschaft Pyhäjoki ist nur 160 Kilometer Luftlinie vom nordschwedischen Luleå entfernt. 2020 soll der Meiler spätestens ans Netz gehen. Während die Industrie große Hoffnungen auf das Projekt setzt, organisieren sich mehr als 200 Menschen gegen den Bau. Schweden ist insgesamt eher Pro Atom eingestellt, Anti-Kernkraftdemos wie in Deutschland haben hierzulande, auch nach der Katastrophe von Fukushima, Seltenheitswert.
Es gibt sie also doch, die Kernkraftgegner, und sie sammeln sich beispielsweise im Bioladen Nordan Smak in Luleå. Der liegt in einer Seitenstraße im Zentrum und verkauft lokal produzierte Möhren, Kartoffeln, Rapsöl und Käse. Ein Verein betreibt den Laden und den Außer-Haus-Verkauf. Eine relativ junge Einrichtung, die sich ihre Kunden erst suchen musste. Vereinsgründer Per Holmqvist trifft in der Mittagspause einen Mitstreiter aus dem Netzwerk und plaudert über alte Zeiten, etwa darüber wie er 1974 mit Maud Olofsson, der langjährigen Chefin der Zentrumspartei, in Luleå die erste Demo gegen die Atomkraft organisiert hat.
„Ich war von Anfang an dabei, habe alle Märsche mitgemacht, gegen Barsebäck, nach dem Unglück von Tschernobyl, und wir dachten damals nach Tschernobyl, dass die Kernkraft verschwindet. Das war doch der Beweis, dass es nicht funktioniert. Aber nein, man macht einfach weiter, als ob man nichts gelernt hat.“
Urban Sterner nickt zustimmend. Der 44-jährige Projektleiter einer IT-Firma ist neulich von Helsingborg nach Luleå gezogen, auch wegen der unberührten Natur. Und nun soll auf der finnischen Seite ein neuer Atommeiler gebaut werden. Das hat ihn dazu gebracht, sich im Netzwerk „Für einen atomfreien Bottnischen Meerbusen“ zu engagieren:
„Fukushima hat mich echt zum Umdenken gebracht. Und der Umzug hierher. In Barsebäck haben sie die Meiler abgeschaltet, und nicht weit von hier wollen die ein neues Kernkraftwerk bauen, nahezu in der Nachbarschaft. Nee, das finde ich nicht gut, es ist an der Zeit sich zu engagieren.“
Vorbild Deutschland
Während Deutschland nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erneut den Atomausstieg beschlossen hat, will Schweden weiter auf die Kernkraft setzen. Neue Atomkraftwerke sollen an Alt-Standorten gebaut werden dürfen, wenn die bisherigen Reaktoren ausgedient haben, beschloss das Parlament im Jahr 2010. Und in der Nähe von Oskarshamn soll das schwedische Endlager für den Atommüll gebaut werden. Das empört auch Atomkraftgegnerin Lena Lagerstam, die das Netzwerk in Nordschweden initiiert hat. Die einstige Angestellte der Provinzialverwaltung wohnt in dem Dorf Morjärv und erinnert sich nur zu gut an die 1980er Jahre:
„Nicht weit von hier, nur zehn Kilometer entfernt, am Berg Kamlungekölen wurden damals Probebohrungen in mehreren hundert Metern Tiefe durchgeführt. Der Platz wurde für die Atommüllendlagerung als sehr geeignet angesehen. Wir haben viele Jahre gekämpft, dass dies nicht Schwedens Atommüllkippe wird. Wir sahen uns gezwungen, das zu tun, so wie heute auch.“
Lena Lagerstam blättert in einem Ordner. In der Stadtverordnetenversammlung ihrer Heimatkommune Kalix hat sie den Vorschlag eingebracht, dass man sich aktiv gegen den Bau des Kernkraftwerkes ausspricht. Der Vorschlag wurde immerhin zur Diskussion angenommen. Ähnliche Vorschläge will das Netzwerk in allen Kommunen längs der nordschwedischen Ostseeküste einbringen. Das ist eine Form des Protestes, meint Lena Lagerstam, die Folgen für das Ökosystem Ostsee durch ein Atomkraftwerk seien nicht absehbar.
„Es würde uns alle, die wir in Norrbotten und längs des Bottnischen Meerbusens wohnen, sehr negativ beeinflussen, und das für alle Zeit. Das Bottnische Meer mit seinen Schären ist einzigartig auf der Welt, weil es ein kleines Binnenmeer mit sehr geringem Salzgehalt ist und sehr spezifischen Bedingungen für die Fischerei.“
Weltbekannte Delikatesse aus dem Bottnischen Meer ist der Kalixrogen, der laut EU-Herkunftsbezeichnung nur hier gewonnen werden darf und teuer auch in den noblen Feinkosttheken des Kontinents verkauft wird. Welchen Einfluss hat das Kühlwasser des Atomkraftwerkes auf die Fischbestände? Die Anwohner sehen diese Frage nicht beantwortet.
Boykottaufruf
Eine andere Form des Protestes ist für den Umweltschützer Per Holmqvist aus dem Bioladen in Luleå ein Boykott. Er setzt auf die Kraft der Konsumenten:
„Ich gehöre zu denen, die ein Boykott fordern. Wir sollten jene Unternehmen boykottieren, die Kernkraftwerke bauen. Und jene unterstützen, die Wege zur nachhaltigen Energieversorgung suchen. Wenn die Konsumenten etwas nicht wollen, verschwindet es.“
Die drei Kernkraftgegner eint der Glaube, dass sie es schaffen werden, den Bau des Atomkraftwerkes Pyhäjoki in Finnland zu verhindern. Im Laufe des Planfestellungsverfahrens wurden auch schwedische Kommunen, Vereine sowie die Naturschutzbehörde gehört, fast alle äußerten sich kritisch. In Finnland wurde dies zur Kenntnis genommen und die Genehmigung für den Bau des Atommeilers erteilt. Der Kampf der Atomkraftgegner in Schweden geht weiter, bald treffen sie ihre finnischen Kampfgefährten zur Großdemo.
(Quelle: Radio Schweden)
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