Feragen auf Umwegen Kreuz und quer durch Lappland sind wir damals gefahren, auf der Suche nach einem geeigneten Gewässer für eine ein- bis zweiwöchige Kanutour. Unsere Blockhütte im schwedischen Härjedalen verließen wir bei strahlendem Sonnenschein mit Boot und Campingausrüstung kurz vor Mittsommer, um diesen in Lapplands Vildmark zu verbringen. Um es kurz zu machen: Das Wetter wurde richtig mies; kalt und windig wurde es und es schüttete wie aus Eimern. Die Seensysteme, die wir beim studieren der Bücher und Karten in die engere Wahl gezogen hatten, präsentierten sich bei unserer Ankunft von ihrer schlechtesten Seite. Nachdem wir irgendwo in der Nähe von Arjeplog in einer Windschutzhütte mit undichtem Dach als Mittsommerabendmahlzeit Erbsensuppe mit Regenwasser zu uns genommen hatten, beschlossen wir verärgert, direkt am nächsten Morgen zurück zu fahren. Härjedalen empfing uns am Abend des nächsten Tages wie gehabt mit Sonnenschein und fast wolkenlosem Himmel. Keine Pfütze konnten wir auf den Straßen entdecken; scheinbar hatte es hier die ganze Zeit über nicht geregnet.
Am nächsten Morgen war das Wetter immer noch bestens und die Tourenausrüstung war ja auch noch im Auto. Natürlich wollten wir wieder aufbrechen, aber wohin? Härjedalens Wasserseite hatten wir schon weitestgehend abgepaddelt und auf Wiederholungen hatten wir keine Lust. Sicher gab es da noch das eine oder andere Gewässer im angrenzenden Jämtland, aber ehrlich gesagt, hatten wir auch erstmal die Nase voll von der Kilometerfresserei. Dann fiel uns eine nahegelegene Paddelmöglichkeit ein. Jedes mal, wenn wir zum einkaufen nach Röros in Norwegen fuhren, kamen wir an der Abzweigung zum Feragen - See vorbei. In den 80 er Jahren hatte ich mal einen Bericht über ihn gelesen und immer wieder war mir dieser alte Artikel im Kopf herum gegangen, wenn ich dieses Schild sah. Rund achtzig Kilometer sind das von unserer Hütte und für hiesige Verhältnisse ist das keine große Distanz. Kartenmaterial darüber fand ich auch in meiner Kartenkiste. Ein paar Jahre zuvor hatte mir mal den ganzen Satz topographischer Karten über die an Härjedalen angrenzenden Gebiete Norwegens zugelegt. Mit seiner eher geringen Größe von 11 Kilometern Länge und maximaler Breite von 2,5 Kilometern eignet er sich zwar weniger für wochenlange Touren, aber dazu hatten wir mittlerweile sowieso keine Lust mehr. Wir wollten einfach nur noch ein paar Tage gemütlich mit dem Boot rausfahren, einen schönen Lagerplatz finden und das gute Wetter genießen.
Ungefähr eine Stunde später waren wir da. Nachdem wir das kleine Dorf gleichen Namens durchquert hatten, fuhren wir geradeaus über eine kleine Brücke und nach vielleicht fünf- bis sechshundert Metern Fahrt über einen Schotterweg standen wir am Nordufer des 654 Meter hoch gelegenen Feragen- Sees. Da lag er nun vor uns, still und spiegelglatt. Im Osten dominiert das Vigelen-Gebirge mit von der Erosion abgerundeten und massiven bis zu knapp 1500 Meter hohen Erhebungen; im Westen wird der See von sanfteren Bergen gesäumt. Früher hat man hier nach Kupfererz gegraben und auch einige deutsche Bergleute sollen dabei mitgeholfen haben. So findet man auch auf den Friedhöfen dieser Gegend immer wieder mal deutsche Namen auf den Grabsteinen.
Flach ist es hier am Ufer und der weitläufige, weiße Sandstrand scheint irgendwie nicht richtig zu der ansonsten eher rauen Gebirgskulisse zu passen. Rechterhand stehen einige Bootshäuser und dahinter führt der Weg hinein in die Berge. Aber wir waren ja nicht zum Wandern hergekommen. Nun stand eine Entscheidung an. An welchem Ufer entlang paddeln wir? Parallel zum Ostufer führt ein Weg zu einem abgelegen Gehöft am Wasser und von dort weiter hinein ins Gelände zu einer Alm. Besser, man bewegt sich auf der sicheren Seite, dachten wir und legten ab. So konnten wir bei hohem Wellengang wenigstens relativ bequem zurück gehen. Wir hatten es schon öfter erlebt, dass sich die lieblichsten Bergseen bei Wetterumschlag in mit offenen Kanadiern kaum noch befahrbare Ungeheuer mit meterhohen Wellen verwandelt hatten. Tückisch sind insbesondere die hier oft vorkommenden großen Steine dicht unter der Wasseroberfläche. Man wird gegen sie gedrückt oder auf sie gehoben bevor man sie sieht und schon ist die Kenterung perfekt. Man kann sich ja ausmalen, wie lange es dauert, in dem auch im Hochsommer durchschnittlich nur um die vier Grad Celsius kalten Wasser dieser Bergseen zu überleben.
Gemütlich paddelten wir in Richtung Süden, fuhren alle Buchten ab und suchten nach dem optimalen Lagerplatz. Warm war es an diesem Tag, obwohl auf den höheren Bergen immer noch Schneeflächen zu erkennen waren. Immer wieder sahen wir kleine Wasserfälle; glitzernde, schmale, weiße Bänder an den Felswänden des Vigelen. Zwischen den weitgehend steinigen Uferabschnitten des Feragen stießen wir mehrmals auf seichte, sandige Buchten mit teilweise guten Möglichkeiten, ein oder mehrere Zelte aufzuschlagen. Für unseren Geschmack lagen diese allerdings noch etwas zu nah am Dorf und es war noch Vormittag, also fuhren wir weiter. Nach insgesamt sechseinhalb Kilometern Fahrt hatten wir ihn dann gefunden, unseren ersten Übernachtungsplatz. Wir kamen in eine hakenförmige Buch mit sehr seichtem Wasser und einem schönen Sandstrand, ca. einen Kilometer vor dem Einödhof Öya. Hier stimmte fast alles. Das flache Wasser hatte sich in Ufernähe durch die Sonne angenehm aufgewärmt, sozusagen fertig zum Baden. Hinter dem Strand bietet der ebene Waldboden genügend Auswahlmöglichkeiten zum Zeltaufbau. Nicht weit davon kommt ein sauberer Bach vom Berg herunter, um den Camper mit Trinkwasser zu versorgen. Am Panorama war ebenfalls nicht zu meckern; auf dem glatten See spiegelten sich die fernen Berge des angrenzenden Femundsmarka Nationalparks. Sogar die Stimme der Wildnis, der unheimliche Ruf des Prachttauchers war zu hören und rundete die Idylle ab. Nur durch einen benachbarten, großen Ameisenhügel waren wir anfangs leicht irritiert, doch stellten sich seine Bewohner als friedlich heraus und schienen nicht an unserem Proviant interessiert zu sein. Also respektierten wir ihre Straßen und bauten unser Zelt etwas außerhalb ihrer Versorgungswege auf. Der Weg, den man von hier aus durch den lichten Kiefernwald in ungefähr hundert Metern Entfernung erkennen kann und den wir zunächst als eventuellen Störfaktor eingestuft hatten, erwies sich als kaum befahren und minderte nicht die Wildnisstimmung. In den ungefähr vierundzwanzig Stunden, die wir uns dort aufhielten, sahen wir nur einmal einen Traktor Richtung Dorf fahren und ein paar Stunden später wieder zurück kommen. Dieser Privatweg wird normalerweise nur von Anliegern befahren und ist, wie wir später feststellten, beim Dorf mit einem abgeschlossen Tor versehen und nur Fußgänger können dieses durch ein kleines, offenes Gatter an der Seite passieren.
So schön dieser Platz auch war, am nächsten Morgen „juckte mir wieder das Paddel“ und ich überredete meine Freundin zur Erkundung des Südendes des Sees. Nachdem wir den Bauernhof passiert hatten und etwa zwei weitere Kilometer gepaddelt waren, verengte sich der Feragen auf vielleicht achthundert Meter Breite. Mittlerweile hatte sich der Himmel zugezogen und es begann zu regnen. Die Steine am Ufer wurden zu großen Felsbrocken. Auch an Land waren sie überall zu sehen - Überbleibsel aus der Eiszeit, welche das Anlanden erschweren und die Suche nach einem Zeltplatz zu einer aufwendigen Angelegenheit werden lassen.
Im Südzipfel des Feragen angelangt, hörten wir Gehämmere und andere Baugeräusche von dem im weglosen Land liegenden Gehöft Svartvika. Man hatte es unter Denkmalschutz gestellt, so hatten wir vor unserer Reise gelesen und nun hatte man wohl mit der Restaurierung begonnen. Bei diesen Arbeiten wollten wir nicht stören, also paddelten wir am selben Ufer wieder etwa einen Kilometer zurück, um an einer geeigneten Stelle Kaffee zu kochen. Inzwischen regnete es nicht mehr, aber ein leichter Wind war aufgekommen.
So saßen wir da im nassen Moos, schlürften heißen Kaffee und beobachteten die sich mit zunehmendem Wind aufbauenden Wellen. Drei Stunden später hatte sich der Wellengang noch nicht verändert und mittlerweile knurrten unsere Mägen. Da beschlossen wir das Zelt aufzustellen, und zwar an einer ca. zweihundert Meter westlich davon gelegenen Stelle, welche ich während unserer Warterei entdeckt hatte. Diese liegt ein gutes Stück vom Ufer entfernt und ist nicht besonders schön, aber halbwegs eben. Bei einigermaßen befahrbarem Wasser wollten wir sowieso zeitig am nächsten Morgen aufbrechen, um dann bei gutem Wetter eine weitere Übernachtung am ersten Lagerplatz zuzubringen. Wieder begann es zu regnen und schon früh zogen wir uns ins Zelt zurück .Der nächste Morgen empfing uns zwar trocken ,aber wieder mit Wind. Man kann es ja mal versuchen, dachten wir und brachen unser Lager ab. Wellig war es zwar, aber Schaumkronen waren noch nicht in Sicht. Vielleicht fünfhundert Meter weit kamen wir, dann mussten wir wieder den Schutz einer Minibucht aufsuchen um dort über dicke Steinblöcke mit Boot und Gepäck an Land zu klettern. Es war wie verhext. Mochte uns der See nicht? Wir warteten bis zum Abend und waren dann gezwungen, unser Lager mitten in einem Sumpf zu errichten.
Der nächste Tag brachte uns weiter. Sonnenschein und ein nur milder Wind trieben uns zeitig aufs Wasser. Wir hielten auch nicht mehr am alten Lagerplatz an und paddelten ohne Pause bis Storvika, der letzten, großen Bucht vorm Nordende, als der Wind mit einem Mal in einen mittelprächtigen Sturm umschlug und uns der Feragen noch einmal richtig seine nassen "Zähne" zeigte. Drei Kilometer Wasserlinie waren es nur noch – schlappe drei Kilometer trennten uns von unserem Auto und wir saßen hier fest! Bei Storvika führt der Weg direkt am Ufer entlang. Nachdem wir eine Stunde lang Löcher in die Luft geguckt und Wellen gezählt hatten, begannen wir fluchend die Ausrüstung tragbar zu verpacken und das Boot zwischen Weidenbüschen zu verstecken. Bis zum Wagen waren es gut fünf Kilometer zu gehen, doch mussten wir diese Strecke bepackt wie Maulesel zurücklegen. Wir waren bei der Planung von keiner Portage ausgegangen und hatten deshalb bei der Auswahl der Ausrüstung nicht auf jedes Gramm oder auf Sperrigkeit einzelner Gegenstände geachtet. Die „Quittung“ dafür bekamen wir nun.
Am nächsten Tag holten wir das Kanu. Der Feragen tobte immer noch und wahrscheinlich ist dies sein Charakter. Hin und wieder fahren wir ihn besuchen, wenn wir in der Nähe sind und meistens ist er dann in Bewegung. Ein Brausekopf ist er, der seine Zeit damit verbringt, mit seinen Wellen aus den Steinen feinen, weißen Sand zu mahlen und nur manchmal schläft er. Dann kann man es wagen, sich auf ihm zu bewegen, aber nur mit Zeit und ausreichenden Mengen an Verpflegung, denn er schläft nie sehr tief.
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