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Nun gut, der Titel ist ein wenig reißerisch. Aber die Geschichte hat mir gefallen, die ich im Volvo-Forum aufgeschnappt habe und Euch hier (natürlich mit Erlaubnis des Verfassers) nicht vorenthalten möchte...
Horrorsturm auf der Ostsee – Chronik einer Katastrophe
Sonntag, 27.11.2011 Malmö, Südschweden
15:36 Uhr Zufrieden schließe ich meinen Laptop. Die Geschäfte an diesem Wochenende liefen gut, sogar bei weitem besser als erwartet, und die Arbeitsatmosphäre war mal wieder super. Ich mag Schweden. Ich mag die Schweden.
15:37 Uhr Zum ersten mal an diesem Tag schaue ich bewusst aus dem Fenster: Die Bäume schwanken ordentlich von links nach rechts, scheint also recht windig zu sein. Soll vorkommen im Herbst, erst recht in Küstennähe.
16:12 Uhr Ich habe meinen Anhänger beladen, mich von „meinen“ Schweden verabschiedet und sitze nun zufrieden mit mir und der Welt in meinem VW-Bus. Meine Fähre geht um 22:00 Uhr (Malmö – Travemünde via Finnlines). Vielleicht bekomme ich es hin, dass man mich mit der früheren Fähre mitnimmt ... um diese Jahreszeit sind die Fähren ja meist ziemlich leer (auf der Hinfahrt am Freitag morgen war mein Bus der einzige PKW an Bord; außer ihm waren lediglich fünf LKW mit von der Partie).
16:31 Uhr Ich erreiche den neuen Fährhafen von Malmö, „Norra Hamnen“. Als ich aus meinem Bus aussteige um in das Fährbüro zu gehen, haut es mich fast von den Beinen: Der Wind hat extremst aufgefrischt! Ich lehne mich im 30° Winkel in den Wind, halte mich an meiner Jacke fest und kämpfe mich hinüber zum Eingang.
16:32 Uhr Ich erfahre von dem netten Mitarbeiter am Schalter, dass die letzte Fähre um 16:00 Uhr abgefahren ist. Schade, ich hatte etwas von 18:00 Uhr im Kopf. Naja, kann man nichts machen. Ich erhalte mein Ticket und obendrein den Hinweis, dass ich mich spätestens um 21:00 Uhr wieder am Schalter zwecks weiterer Instruktionen einzufinden habe.
16:38 Uhr Ich habe mich entschlossen die Wartezeit im örtlichen schottischen Spezialitätenrestaurant „Zu den goldenen Bögen“ (McDonald's) zu verbringen: Ich habe zwar überhaupt keine Lust auf Fastfood, aber der Gedanke die Wartezeit mit Surfen im Internet zu verbringen lockt mich doch sehr. Hoch lebe der kostenlose McDoof WLAN-Hotspot! Meinen Anhänger lasse ich im Hafen stehen, denn die Parkplätze von Schnellrestaurants sind leider nicht für zehn Meter lange Gespanne ausgelegt: Da besteht eindeutig Nachbesserungsbedarf, nicht nur in Schweden.
17:10 Uhr Meine Wahl fällt auf einen Fensterplatz, denn dort gibt es eine Steckdose (der Akku meines Laptops ist hinüber). Vor mir stehen mein Rechner und ein Tablett mit einem Filet-o-Fish Sparmenü. Mein Hunger tendiert zwar gegen Null, aber mich ohne eine „Daseinsberechtigung“ zum Surfen in das Restaurant zu setzen ist mir dann doch zu blöd.
17:11 Uhr Ich sehe das mein Weibchen mit ihrem heimischen Rechner im ICQ online ist. Auf einmal wird mir bewusst wie sehr sie mir gerade fehlt. Blick auf die Uhr: In nicht mal fünf Stunden beginnt die Heimreise. Besser is' das!
18:53 Uhr Meine Blondine verlinkt mir ein Foto mit einem Bikini, den sie sich für den nächsten Sommer bestellen möchte. Ein schickes Teil, welches mich augenblicklich zu höchst unkeuschen Gedanken verleitet. Apropos Sommer: Wir könnten endlich mal wieder – wie schon lange geplant – Urlaub in Holland machen. Ich mag Holland. Ich mag die Holländer.
19:32 Uhr Der Wind ist mittlerweile so stark, dass man sieht wie sich bei den Böen die riesigen Fensterscheiben des Restaurants nach innen biegen: Ich wusste gar nicht dass Glas so flexibel ist! Das wird bestimmt eine lustige Überfahrt, bei dem Wind und den Wellen. Zum Glück fließt Seefahrerblut in meinen Adern: Mein Vater ist gebürtiger „Fischkopp“ und lange Jahre zur See gefahren ... also bin automatisch immun gegen Seekrankheit. Oder nicht?!
20:40 Uhr Zum zweiten mal an diesem Tag schließe ich meinen Laptop und mache mich auf den Weg zum Hafen. Auf halber Strecke reißt der Wind in einer einspurigen Baustelle wenige Meter vor meinem Bus eine Warnbarke aus der Verankerung und lässt sie mit voller Breitseite gegen mein KFZ knallen. Scheiße!!
20:58 Uhr Ich erreiche den Parkplatz des Fährbüros und inspiziere meinen Wagen: Bis auf einen Kratzer hat der Angriff der Baustellenabsperrung keine Schäden hinterlassen. Dafür stelle ich fest, dass der Sturm meinen Anhänger – trotz fest angezogener Handbremse – ein Stück weit schräg nach hinten weggedrückt hat. Und das will schon etwas heißen: Alle vier Bremsbacken sind nämlich neu, und wenn ich vor Abfahrt vergesse die Bremse des Hängers zu lösen, tut sich beim Gasgeben absolut gar nichts.
21:03Uhr Der nette Kollege am Schalter erklärt mir, dass sich die Ankunft – und somit auch die Abfahrt – der Fähre aufgrund des Sturms verzögern wird. „About twelve o'clock“, teilt er mir mit und lächelt unsicher. Es scheint ihm peinlich zu sein, dabei kann er doch gar nichts dafür. Ich mag die Schweden.
21:12 Uhr Ich habe meinen Hänger angekuppelt (eine wirklich stramme Leistung bei diesem Wind!) und stehe mit meinem Gespann in der Wartespur. Mir fällt auf, dass ich vergessen habe ein Buch mitzunehmen. Also schalte ich das Radio ein, suche mir einen schwedischen Radiosender mit angenehmer Musik und lehne mich zurück. Schwedische Radiowerbung kann echt ätzend sein. Zum ersten mal merke ich, dass ich ziemlich müde bin.
21:30 Uhr Fast wäre ich endlich mal eingenickt, da steigt der Fahrer des vor mir parkenden holländischen Autos völlig sinnloserweise auf die Bremse: Durch die blitzartig aufleuchtenden LED-Bremslichter erschrecke ich mich so sehr, dass ich wieder hellwach bin. Holländer können echt ätzend sein.
22:05 Uhr Ich habe das Radioprogramm gegen Musik von CD getauscht: Das schwedische Gelaber war nicht mehr auszuhalten. Mir wird langsam kalt, denn die Außentemperatur von 7°C herrscht mittlerweile auch im Bus vor. Aber ich bin zu geizig den Motor anzumachen: Selbstgemachtes Leid.
22:32 Uhr Der Fahrer des Mercedes hinter mir in der Schlange (sein Kennzeichen identifiziert ihn als Bewohner des Kreises Ostholstein) klopft an meine Scheibe und überbringt neue Informationen: Die Abfahrt wird sich auf 2:00 Uhr verschieben, weil die Fähre aufgrund des Windes und der Wellen nicht in den Hafen einlaufen kann und draußen vor der Küste Warteschleifen dreht. Dafür hat der Mercedesfahrer aber immerhin eine Kaffee-Quelle aufgetan: Eine der besten Neuigkeiten der letzten Stunden. Also fasse ich mir ein Herz und kämpfe mich mit ihm zusammen durch den Sturm hin zum Fährbüro.
23:47 Uhr Nachdem wir beim Kaffeetrinken unsere jeweiligen Lebensgeschichten kurz umrissen haben, kommen wir auf die Idee das Fährbüro in ein Kino zu verwandeln. Da ich daheim einige alte James Bond Filme auf meinen Rechner kopiert habe, fällt mir die Aufgabe des Filmvorführers zu. Ich hole also meinen Laptop samt einer großen kuscheligen Decke aus meinem Auto (den Weg dorthin lege ich im 45° Winkel zum Wind zurück, um nicht weggepustet zu werden), positioniere Decke und Rechner auf dem Fußboden des Büros und starte die Wiedergabe.
00:53 Uhr Die Blondine die James Bond am Strand der Insel von Doctor No trifft hat eine klasse Figur und trägt einen echt heißen Bikini. Erinnert mich verdammt an meine Blondine. Wieder unkeusche Gedanken. Und ich sitze hier in Schweden fest. Ich hasse Schweden!
01:29 Uhr Aufruhr im Fährbüro. Es soll losgehen! Hektisch raffe ich meinen Kram zusammen, und mache mich auf zu meinem Bus. Der Sturm hat keineswegs nachgelassen. Ich frage mich warum die Fähre es nun schaffen soll einzulaufen, wenn es zuvor aufgrund des gleichen Windes nicht geklappt hat. Aber gut, die Jungs von der Seefahrt werden schon wissen was sie tun.
01:35 Uhr Das Follow-Me Fahrzeug ist da ... endlich! Ich starte das Aggregat, und lasse mich zusammen mit den anderen Autos quer über das Hafengelände zum Fähranleger führen. Dort angekommen werden wir angewiesen in der Spur neben den LKW zu warten. Der holländische Truck neben mir versperrt die Sicht auf den Anleger, darum steige ich kurz aus um zu sehen ob die Klappen der Fähre bereits geöffnet sind. Wenige Sekunden später sehe ich den Anleger – aber keine Fähre! Ich kneife mir durch meine Hosentasche hindurch selbst in den Oberschenkel, um sicherzugehen dass ich nicht träume. Aua!
01:48 Uhr Immer noch keine Fähre in Sicht. Warum hat man uns verdammt nochmal aus unserem warmen Kino herausgeholt? Ich hasse Schweden. Ich hasse die Schweden.
02:29 Uhr Schluss mit dem Geiz. Seit einer guten halben Stunde läuft der Motor, und damit auch die Heizung. Der Bordcomputer zeigt einen Verbrauch 67,6 Litern pro Kilometer an. Mir doch egal.
03:03 Uhr Der Fahrer des holländischen LKW rechts neben mir hat seine Fahrertür geöffnet und seine Musikanlage voll aufgerissen: „Tribal Dance“ von der Gruppe „2-Unlimited“ schallt mir entgegen. Wut steigt in mir auf. Ich bete für die Erderwärmung, auf dass die verdammten Holländer alle absaufen mögen! Und die Schweden gleich mit...
03:12 Uhr Der Käsefresser neben mir hat Ruhe gegeben. Dafür drückt jetzt meine Blase. Und natürlich ist weit und breit kein WC zu finden. Das brauche ich aber auch überhaupt nicht: Ich schleiche mich um den LKW mit den gelb-schwarzen Nummernschildern herum, und pinkle an die rechte Rückleuchte seines Aufliegers. Nur selten war Wasserlassen so entspannend und befriedigend!
03:40 Uhr Die Fähre ist in Sicht. Von zwei Schleppern wird sie zum Anleger gezogen, geschoben und gedrückt. Ich überlege aus welchen südostafrikanischen Hafen die Elchtreiber die beiden Schlepper haben kommen lassen, dass das so lange gedauert hat.
04:03 Uhr Ist es eine Fata Morgana? Am vorderen Ende der Warteschlange hat der der Follow-Me Wagen gehalten, das Fahrerfenster senkt sich und eine Hand winkt dem ersten Auto ... wir dürfen auf die Fähre! Als ich an der Reihe bin trete ich so sehr auf's Gas, dass der seit 1,5 Stunden im Auspuff angesammelte Ruß auf einen Schlag die Abgasanlage verlässt. Pufffff. Nimm dies, Schweden!!!
04:06 Uhr Motor aus, Gang eingelegt, Handbremse fest. Mein Köfferchen geschnappt. Auto zu. Fahrstuhl. Nach oben. Kabine. Schlafen. Endlich.
11:00 Uhr Nach fast sieben Stunden Schlaf fühle ich mich wie neugeboren. Die Sonne scheint durch das Kabinenfenster hinein. Keine Spur von Wind, geschweige denn Sturm. Nur das leise Wummern des Schiffsdiesels erinnert daran, dass sich überhaupt etwas bewegt. Mir geht’s gut. Ich freue mich jetzt auf meinen nächsten Besuch in Schweden im April. Und nehme mir fest vor diesen Sommer Urlaub in Holland zu machen.
Ich mag die Schweden. Ich mag die Holländer.
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