Kind Nummer 867

Kind Nummer 867

Beitragvon Grizzly2 » 2. September 2017 07:47

Es passiert immer öfter, dass Geflüchtete aus den skandinavischen Ländern nach Deutschland zurückkommen, weil ihr Asylantrag dort abgelehnt wurde und selbst Menschen aus hochgradig unsicheren Ländern wie Afghanistan oder Somalia befürchten müssen, dorthin deportiert zu werden. Die Anwälte des hiesigen Flüchtlingsrats versuchen dann, irgendwelche Gesetzeslücken zu finden, um diesen Menschen ein Überleben zu ermöglichen, was nicht einfach ist. Meine Arbeit als ehrenamtlicher in der Flüchtlingshilfe tätiger Arzt ist es, im Rahmen meiner Möglichkeiten mitzuhelfen, u.a. im Erstaufnahmelager Horst/Mecklenburg (mehr dazu in meinem Containertagebuch).

Die Betroffenen sind offensichtlich nicht mehr krankenversichert und erfahren allenfalls eine Minimalversorgung. Hier in Norddeutschland funktioniert die einigermaßen, und ich bekäme auch über solche Patienten einen Arztbrief. In Schweden scheint das anders zu sein - über die Geburt eines Mädchens afghanischer Eltern, die in Horst gestrandet sind, existiert nur dieser zerknautsche Fresszettel, nicht viel größer als eine Essensmarke, das Bild hier ist größer als der Zettel.

Bild
Kind Nr. 867
(Name der Mutter)
Geboren am 26.6.16 um 21:29
Gewicht: 3760 Länge 50
Kopfumfang 37


Das war's. Keine Name des Kindes, kein Geburtsort.
Ist ja nur ein afghanisches Mädchen.
Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt - sieh sie Dir an (Kurt Tucholsky)

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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon siltal » 2. September 2017 09:51

Hallo Grizzly2,

erschütternd was Du da berichtest. Aber leider häufiger Realität nachdem die schwedische Regierung die Versorgung der Flüchtlinge vor über einem Jahr radikal heruntergefahren hat. Schweden schiebt nach Afghanistan ab, da werden bestimmt noch mehr den Weg nach Deutschland suchen. Trotzdem sollte man nicht so tief sinken, nur noch Nummern zu vergeben.

Irgendeine Registrierung wird sich doch auch im bürokratischen Schweden finden. Dort ist alles so gut organisiert, dass es bestimmt ein Journal über Kind Nummer 867 gibt. Schweden ist doch kein Entwicklungsland.

Schöne Grüsse
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon Grizzly2 » 2. September 2017 11:27

Dankschön für die Rückmeldung, lieber Siltal.
Derzeit ist das Kind putzmunter, und ich selber weiss auch, wie es heisst.
Das Problem ist eher die hochschwangere Mutter, die keinerlei Mutterpass oder ähnliches hat. Irgendwo war sie beim Arzt, der hat gesagt "OK", was vermutlich heissen sollte, dass mit der Schwangerschaft alles in Ordnung ist - hoffen wir's !
Und die Behörden in MeckPomm sind auch nicht so hochmotiviert, da muss unsere Helfertruppe vom Flüchtlingsrat schon ein bissl nacharbeiten. V.a. unsere Anwälte haben gut zu tun.

Und Du hast Recht - hier stranden zahlreiche Rückkehrer aus Skandinavien, manche waren jahrelang in Schweden, und ich kann mich mit ihnen gut in meinem Bröselschwedisch verständigen. Gut dass ich den Kurs in Göteborg gemacht hab !
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon calle » 3. September 2017 13:39

Immer diese Ausländer :) das ist doch ein ganz normaler Zettel, den unsere schwedischen Babys auch kriegen, was kann das Baby dafür, wenn die Eltern es nicht vorschriftsmässig anmelden.
Feinde da, wo man welche sehen will, manchmal sind es auch nur Abendnebel hinter Birkenbäumen im Moor.
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon Grizzly2 » 3. September 2017 15:07

Wie jetzt ? Kein Mutterpass, kein Arztbericht ? Kriegt ein "normales" Schwedenbaby das auch nicht ?
Und wo denn anmelden, wenn die Angst vor der Abschiebung schon im Nacken sitzt ?
Das ist doch schizophren. Einige regen sich über den angeblichen oder tatsächlichen Männerüberschuss unter den Geflüchteten auf, und da kommt ein Mädchen zur Welt, und es kriegt einen Fresszettel und signalisiert, dass man es nicht haben will.
So und nicht anders werden Terroristen gezüchtet !
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon maggan » 3. September 2017 15:35

In Schweden gibt es tatsächlich keinen Mutterpass. Die Untersuchungen, die von einer Hebamme in der Poliklinik gemacht wird, werden online festgehalten. Sollte es Komplikationen geben kann jede Klinik darauf zurückgreifen anhand der Personennummer.

Die Tage sah ich einen Bericht im Fernsehen über afghanische Frauen, die nie bei ihren Namen genannt werden dürfen in der Öffentlichkeit. Vielleicht war das ein Grund, keinen Namen einzutragen auf der Geburtsurkunde.http://www.sueddeutsche.de/panorama/afg ... -1.3639695
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon siltal » 3. September 2017 16:45

Hallo,

@maggan: bei Geburt erhält das Neugeborene in Schweden eine PersonNummer. Das habe ich recht verstanden? Damit wäre es ja schwedischer Staatsbürger, da es ja vorher noch keine Staatsbürgerschaft hatte, bzw. auf jeden Fall mit der PersonNummer Aufenthaltsrecht. Also kein Grund nach D überzusiedeln, zumindest für das Kind.

Und wenn ich Grizzly2 recht verstanden habe, gab es nur diesen "Fresszettel" , aber der kann unmöglich eine schwedische Geburtsurkunde sein. Also muss es noch eine Geburtsurkunde in Schweden geben. Oder nicht?

Sieht so aus, als ob die Eltern sehr überstürzt aus Schweden abgereist sind, und ihnen in Schweden anscheinend auch einige Informationen nicht richtig zugängig waren oder vermittelt wurden. In Stockholm protestieren Minderjährige Afghanen gegen ihre drohende Abschiebung ins Bürgerkriegsland, und andere sehen anscheinend in Schweden keine Hoffnung mehr und ziehen weiter in Europa und verlassen das Paradies im Norden.

Schöne Grüsse
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon siltal » 3. September 2017 17:37

Hallo nochmals,

habe versucht zu recherchieren. Nach Skatteverk Homepage werden an Neugeborene deren Eltern nicht in Schweden "Folkbokförd" sind, keine PersonNummern vergeben. Zur Anmeldung müssen die Eltern das Formular SKV 7560 an skatteverket schicken. Dann wird das Kind registriert (aber keine PersonNr), und es kann dann für das Kind ein Asylantrag gestellt werden. Die Geburtsabteilung soll das Formular zu Verfügung stellen. (Die meisten Geburtsabteilungen in Schweden sind vor allem im Sommer hoffnungslos überfordert, gab ja, wie ich bereist gelernt habe, Kurse für Schwangere zum Gebären im PKW)

Eine BIRTH CERTIFICATE, wie es alle Länder machen, wird in Schweden nicht ausgestellt, da man ja alle Daten mit Erteilung der Personnummer im "System" hat. Die Erteilung bei Vorhandensein von schwedischen Eltern erfolgt automatisch, aber halt nicht bei Asylsuchenden. Deshalb wird es auch keine zentralen Arztdaten geben im PC System, weil dieses das Vorhandensein der PersNr oder andersweitiger Registrierung als Asylsuchender o.ä. voraussetzt.

Ich vermute der "Fresszettel" ist das einzige Papier, das existiert.

Es lebe die Bürokratie und das Vertrauen in digitale Systeme.

Schöne Grüsse
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon Grizzly2 » 3. September 2017 18:22

Lieber Siltal,
ich denke, es ist so wie Du vermutest.
Über die Begleitumstände, warum die Familie Schweden so überstürzt verlassen hat, weiss ich nichts - ich hatte mich nur um die medizinischen Belange zu kümmern, vorher hatten die Eltern ein längeres Gespräch mit dem Anwalt unserer Flüchtlingsrats-Gruppe.
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon maggan » 3. September 2017 18:39

Hier kann man über Schwangerschaft in Schweden nachlesen https://www.urbia.de/archiv/forum/th-46 ... ndern.html
Der beitrag von "mezzyhair" ist ganz informativ.
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon calle » 4. September 2017 09:10

Danke Maggan und danke auch Dir Sital, dass Du nachgelesen hast, wie in Schweden Personennummern und auch Rechte vergeben werden.
Eigentlich sollten wir uns zu schade sein durch Halbwissen und persönliche Meinung üble Nachrede zu halten, ich bin doch ein wenig erstaunt von Dir Grissly.
Kinder sind in Schweden sehr!!! wichtig. Wenn eine Familie wie Deine illegal das Land wieder verlässt, kannst Du den Behörden nicht vorwerfen wenn Ihre Papiere nicht in Ordnung sind. Normalerweise ist soetwas sogar Kindesentführung es kann schliesslich jeder kommen und behaupten es wäre sein Baby.
Warum diese Familie evtl. aus Schweden abgeschoben werden sollte weiss ich nicht, denn Ihre, der Einwanderungsbehörde mitgeteilte Geschichte ist mir nicht bekannt.
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon siltal » 4. September 2017 16:53

Hallo,

es ist bestimmt sehr richtig, dass Kinder in Schweden sehr sehr wichtig sind!!!!!!!!, aber es zeigt doch seitens des schwedischen Staates schon sehr viel Chuzpe, wenn man von den neu Zugewanderten verlangt, dass sie sich selbst um die Papiere zwecks Anmeldung kümmern müssen (SKV7560), und bei schwedischen Mitbürgern dies automatisch erfolgt. So kann man seine Flüchtlinge auch wieder bequem los werden, indem man sie verwaltungsmäßig nicht existent macht.

Es sind die Feinheiten im System, die die Diskriminierungen ausmachen.

Insofern hat Grizzly2 nicht ganz unrecht.

Schöne Grüsse
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon Grizzly2 » 4. September 2017 18:51

Kinder sind in Schweden sehr!!! wichtig.

Dann sollte auch entsprechend gehandelt werden. Schweden wie Deutschland haben ein dickes demographisches Problem. Demnach sollte jedes, aber auch wirklich jedes Kind ohne Einschränkungen willkommen sein. Ein Staat, der seine potentiellen späteren Steuer- und Rentenbeitragszahler deportiert oder aus dem Land ekelt, weil irgendwelche Papiere nicht in Ordnung sind, handelt strunzdumm und lebensfeindlich.
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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon Framsidan » 4. September 2017 19:31

Kennt ihr zwei eigentlich die ganze Hintergrundgeschichte der Familie oder wollt ihr nur mal wieder Schweden schlec ht machen?

Ich habe das Gefühl dass bei der ganzen Geschichte irgendwo ein toter Hund begraben liegt, irgendwas stimmt da nicht.......

Habt ihr eigentlich schon mal a<uf der Seite ganz oben gelesen? da steht nämlich
Schwedenstube...... wo Schwedenfans zuhause sind!

Grizzly sowohl du wie auch siltal machen immer nur alles schlecht hier.

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Re: Kind Nummer 867

Beitragvon calle » 4. September 2017 20:34

Kann der gute Mensch nur dann mit seinem Gut-sein glänzen, wenn er andere dagegen schlecht aussehen lässt? Grisslys Ausgangspost handelt zu zweidrittel von ihm selber und seinem ehrenamtlichen Einsatz in einem deutschen Flüchtlingsheim. Die wenigen diffusen Angaben über die illegal aus Schweden angekommenden Flüchtlinge werden in meinen Augen nur als Mittel zum Zweck benutzt um wieder mal wie schon so oft genau diese Ehrenamtliche Tätigkeit in Deutschland dazustellen. Ich bin noch in einer Generation aufgewachsen wo man bei guten Taten dazu angehalten wurde, das die eine Hand nicht weiss, was die andere gemacht hat. Ich bin wirklich schwer irritiert. Wie gesagt Grissly, wir wissen doch alle von Deiner Tätigkeit.
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