Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

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Grizzly2
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Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

Eine kleine Ecke des Schifffahrtsmuseums in meinem aktuellen Urlaubsort Husum ist einer Katastrophe gewidmet, die sich 1950 bei Helgoland ereignet hat und der 15 meist junge Schweden zum Opfer gefallen sind, dh die gesamte Besatzung. Teile des Wracks sind im genannten Museum ausgestellt, nachdem sie ein Pellwormer Fischer geborgen und jahrelang in seinem Garten deponiert hatte.

Was war passiert ?
Der Erbauer dieses 1949 entstandenen Wikingerschiff-Nachbaus hatte bereits einige Male sein Schiff durch die Stockholmer Schären bewegt, ohne dass groß etwas passiert war. Dann kam er auf die Idee einer Demonstrationsfahrt nach Amsterdam (oder Rotterdam). 15 Mann Besatzung, die wenigsten davon gelernte Seeleute, sondern sport- und geschichtsbegeisterte Männer, begannen, vom historischen Birka (Björkö) aus mit dem in nur 6 Wochen fertiggestellten Segel- und Ruderschiff durch den Södertälje-Kanal die Ostseeküste entlang zu schippern.
In Ystad ging der Koch wegen Hepatitis von Bord, man kaufte Positionslampen um nachts nicht von größeren Pötten übersehen zu werden, und weiter ging's nach Kiel. Durch den Nord-Ostsee-Kanal schleppte sie ein schwedisches Schiff. Warum sie dann, wieder mit eigener Arm- oder Windkraft, nicht entlang der niedersächsischen Küste weiterführen, sondern eher nördlich bei Helgoland schipperten und dort in einen Sturm gerieten, wird nicht ganz klar.
Zu allem Überfluss veranstaltete die britische Luftwaffe wieder mal über dem damals unbewohnten Helgoland eine Bombenabwurfübung - erst 1952 wurde nach einer Inselbesetzung und langem diplomatischen Kampf diese barbarische Sitte eingestellt und die Insel wieder besiedelt. Die wenigen Fischer, die vor dem Sturm in einem Helgoländer Bunker Schutz suchten, sahen ein "Schiff von noch nie gesehener Bauart", dass mit dem Sturm kämpfte und dann verschwundenn war. Erst Tage später wurden Wrackteile und nach und nach neun Leichen geborgen, sechs Mann blieben auf See oder fanden als unidentifizierte Leichen in einem "Friedhof der Namenlosen" ihre letzte Ruhestätte.

Bei Wikipedia steht, dass die Havarieursache ungeklärt ist, und einiges für Baumängel spricht. Im Husumer Museum wird, aufgrund der Spurenlage vor Ort, auch der Verdacht geäußert, das Holzschiff sei von einem größeren im Sturm unbemerkt überfahren worden. Vielleicht war es auch ganz anders, wie eine dort ausgestellte Flaschenpost suggeriert:
"Hjaelp ! Bombardering."
Zuletzt geändert von Grizzly2 am 10. Juli 2021 20:18, insgesamt 2-mal geändert.


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Grizzly2
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

Das war das gute Stück.
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Grizzly2
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

Und das blieb davon übrig.
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von gundhar »

bei wiki steht dass die ursache ungeklärt ist, es gibt aber einen technischen untersuchungsberich von 2004 in dem falsche materialwahl und pfusch beim bau als ursache ermittelt wurden.
neuroscience-of-music.se/ormen/
unter "bootsbauer" heisst es: "ormen friske war eine theaterkulisse, geeignet für segeltouren im stockholmer stadtgebiet"



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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Norbi54 »

Auf jeden Fall eine unglaublich spannende und interessante Geschichte.
Hatte ich noch nichts von gehört.
Vielen Dank dafür, "Grizzly2". 👍

LG
Norbert



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Grizzly2
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

Der Wiki-Text ist ein bissl kurz, der im Husumer Museum viel ausführlicher. Natürlich können Baumängel für die Havarie verantwortlich sein, aber es kann eben auch andere Ursachen haben, siehe oben. Und die Übungs-Bombardierung fand ja zeitgleich tatsächlich statt, vielleicht hat einer der Bombenschützen nicht die Insel getroffen, sondern das Schiff.
Wobei mir bei dem Flaschenpost-Text, den ich leider nicht photographiert habe, aufgefallen ist, dass "hjälp" nicht mit ä geschrieben ist, sondern ae, "hjaelp". War diese Schreibweise in Schweden früher üblich ? Ansonsten röche das Ding ein bissl nach Fake.


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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

... sechs Mann blieben auf See oder fanden als unidentifizierte Leichen in einem "Friedhof der Namenlosen" ihre letzte Ruhestätte.
Vielleicht ja hier, auf Amrum.
Es gibt an er Nordseeküste mehrerer solcher Friedhöfe.

PS.
Sorry, das Bild von den Gräbern kann ich mobil nicht hochladen, die Technik muckt


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gundhar
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von gundhar »

Grizzly2 hat geschrieben:
10. Juli 2021 10:43
Der Wiki-Text ist ein bissl kurz, der im Husumer Museum viel ausführlicher. Natürlich können Baumängel für die Havarie verantwortlich sein, aber es kann eben auch andere Ursachen haben, siehe oben. Und die Übungs-Bombardierung fand ja zeitgleich tatsächlich statt, vielleicht hat einer der Bombenschützen nicht die Insel getroffen, sondern das Schiff.
Wobei mir bei dem Flaschenpost-Text, den ich leider nicht photographiert habe, aufgefallen ist, dass "hjälp" nicht mit ä geschrieben ist, sondern ae, "hjaelp". War diese Schreibweise in Schweden früher üblich ? Ansonsten röche das Ding ein bissl nach Fake.
dagegen sprechen die bilder die bei
http://www.neuroscience-of-music.se/orm ... skeGer.htm
veröffentlicht wurden.

für den kiel wurde kein massiv gewachsener eichenstamm verwendet sondern kiefernholz, das aus mehreren brettern zusammengesetzt wurde. die stossfugen waren dabei nicht versetzt sondern bei 5 von 8 brettern lagen die stossfugen fast in einer linie. genau dort ist ein glatter bruch zu sehen. die stossfugen lagen fatalerweise genau dort wo die hauptbelastung für den kiel auftritt, nämlich am achteren ende des kielschweins.
bei einem bombentreffer wären die holzteile wohl komplett zertrümmert worden anstatt gerade durchzubrechen.
bei einem bombentreffer hätte wohl niemand die zeit gehabt noch eine flaschenpost fertig zu machen.



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Grizzly2
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Re: Der Untergang der "Ormen Friske" 1950

Beitrag von Grizzly2 »

Danke für den Link, der zumindestens ausführlicher ist als das deutsche Wikipedia. An einen Bombentreffer glaube ich auch weniger, aber die Besatzung könnte die Bombenabwurfsübung mitbekommen und in ihre eh schon desolate Lage mit einbezogen haben, deshalb ggf die Flaschenpost mit dem Zweiwortsatz. Und wenn eine fehlgeworfen Bombe neben ihnen explodiert wäre, hätte das das Schiff ggf entgültig kentern lassen.

Wobei laut Link die Bombentheorie unwahrscheinlich ist. Vielleicht war die Flaschenpost tatsächlich ein Fake ? Mit der politischen Absicht, die ohnehin umstrittenen Bombenübungen weiter zu diskreditieren ? Anderthalb Jahre später wurden sie ja, nach einer Inselbesetzung durch Heidelberger Studenten, beendet. Vielleicht durch jemanden, der nur eingeschränkt schwedisch schreiben konnte, deshalb "hjaelp" ?
Wobei ich als Antimilitarist für einen solchen Versuch vollstes Verständnis gehabt hätte. Im Husumer Museum wird die Flaschenpost nicht weiter thematisiert.


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